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Die Prozesse der stetigen, interaktiven und lokalen Herstellung der Alltagswirklichkeit zu untersuchen, ist das Anliegen der Ethnomethodologie, die dem interpretativen Paradigma der Soziologie zugerechnet wird. Ihre leitende Frage lautet: Welcher Praktiken bedienen sich Gesellschaftsmitglieder, um die geordnete Struktur ihrer Alltagswelt interaktiv hervorzubringen? Geschlecht wird entsprechend als ein interaktiv hergestelltes Merkmal sozialer Ordnung begriffen.

Die begriffliche Unterscheidung von Geschlecht als einerseits biologischem Faktum (Sex) sowie anderseits als Produkt kultureller und sozialer Prozesse (Gender) geht auf Arbeiten zur Transsexualität in den sechziger Jahren zurück. Der feministische Diskurs griff die Unterscheidung auf und verstand sie in einem antibiologistischen Sinne. Die Sex-Gender-Unterscheidung impliziert jedoch auch die unhaltbare Annahme, dass es ein biologisches Substrat der Geschlechterdifferenz gebe, welches kulturellen Unterscheidungen stets vorgängig wäre (latenter Biologismus). Wissenschaftstheoretische Arbeiten verweisen demgegenüber darauf, dass Natur stets durch die Brille der Kultur gesehen wird.

Das Konzept des Doing Gender geht auf Garfinkels ethnomethodologische Untersuchung der sozialen Konstruktion der Zwei-Geschlechtlichkeit zurück. Die unterschiedlichen Konzeptionen des Doing Gender variieren mit der Interpretation der Omnirelevanz-Annahme und des Garfinkelschen Accountability-Konzepts; ihnen gemein ist, Geschlecht nicht als natürliches oder erworbenes Personenmerkmal zu sehen, sondern als durch Zuschreibung oder mittels sozialer Interaktion hervorgebrachtes.

Das Konzept des Doing Gender geht auf Garfinkels ethnomethodologische Untersuchung der sozialen Konstruktion der Zwei-Geschlechtlichkeit zurück, doch erst Kessler/McKenna prägen 1978 eine erste Fassung des Begriffs. Sie untersuchten Praktiken der Geschlechtskonstruktion von Transsexuellen und Praktiken der Geschlechtsidentifikation bei Erwachsenen und stellten fest, dass diese Praktiken stets in der Geschlechtszuschreibung (Attribution) gründen. Mit Hilfe ausgeklügelter Forschungsdesigns zeigten Sie, dass die „Gender Attribution“ in erster Linie eine „Genital Attribution“ und diese eine „Penis Attribution“ ist.

Wie Kessler/McKenna verstehen West/Zimmerman in „ihrem Aufsatz „Doing Gender“ Geschlecht nicht als natürliches oder erworbenes Personenmerkmal. Sie betonen die (inter)aktive Her- und Darstellung von Geschlecht. Die unterschiedlichen Konzeptionen des Doing Gender variieren mit der Interpretation der Omnirelevanz-Annahme und des Garfinkelschen Accountability-Konzepts, West/Zimmerman interpretieren letzteres konsequent aus der Perspektive der sozialen Interaktion, die einen formenden Prozess eigener Art darstellt.

Harold Garfinkel untersuchte in seiner ethnomethodologischen Studie über Agnes, die er 1967 im Prozess der Geschlechtsumwandlung begleitete, die Praktiken der alltäglichen, interaktiven Produktion des Geschlechts. Anhand der Lage Transsexueller die gegen das Alltagswissen von scheinbarer Natürlichkeit, Nicht-Wählbarkeit und Unveränderlichkeit des Geschlechts verstoßen, beschreibt er Geschlecht nicht als natürlichen Zustand, sondern als in sozialer Interaktion hervorgebrachtes Personenmerkmal.

Das Präfix ‚trans-‘ ist aus dem Lateinischen hergeleitet und bedeutet ‚jenseits‘. Bezogen auf Geschlecht deutet trans* auf Lebensweisen hin, die nicht in einer (vermeintlich natürlichen und angeborenen) Zweigeschlechtlichkeit aufgehen. Transgeschlechtlichkeit wurde in aktivistischen Zusammenhängen in Abgrenzung zu der medizinisch-psychologisch geprägten Kategorie Transsexualität entwickelt. Seit den späten 1960er Jahren eröffnete sich, vor dem Hintergrund ethnomethodologischer Theoriebildung, ein Feld der sozialwissenschaftlichen Untersuchung transgeschlechtlicher Lebensweisen. Im Gegenzug dazu perspektivieren die Queer- und Gender Studies Transgeschlechtlichkeit in den 1990er Jahren neu.

Stefan Hirschauer kritisiert mit dem Konzept des Undoing Gender den Theorieentwurf des Doing Gender nach West & Zimmerman. Er begreift Geschlecht als Effekt von Interaktionen und lehnt sich dabei an Garfinkels ethnomethodologisches Konzept der Accountability und der Omnirelevanz von Geschlecht an. Aus institutioneller Perspektive wird die Möglichkeit der Neutralisierung der Kategorie Geschlecht betont. Forschungsperspektivisch ist Geschlecht auf seine konkrete Relevanzsetzung in Interaktionen unter der Bedingung unterschiedlicher kultureller Konfigurationen und institutioneller Arrangements zu untersuchen („kontextuelle Kontingenz“).

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