Garfinkels Agnes-Studie

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Harold Garfinkel (1967) untersucht in seiner ethnomethodologischen Studie über Agnes, die er mit einem Therapeuten im Prozess der Geschlechtsumwandlung begleitet, die Praktiken der alltäglichen, interaktiven Produktion des Geschlechts. Ähnlich wie in seinen Krisenexperimenten beobachtet er auch hier die Herstellung von ‚Normalität‘ anhand der Abweichung davon, in der Her- und Darstellung des Geschlechts durch die Mann-Frau-Transsexuelle Agnes. [1]

Vom Standpunkt eines erwachsenen Mitglieds unserer Gesellschaft aus hat das Geschlecht u.a. die folgenden Eigenschaften: Es gibt zwei und nur zwei Geschlechter. Die Differenz ist natürlich, unabänderlich, nicht wählbar und durch die Genitalien angezeigt (vgl. Garfinkel, 1967, S. 122-128). Transsexuelle verstoßen offensichtlich gegen die Natürlichkeit, Nicht-Wählbarkeit und Unveränderlichkeit des Geschlechts – allerdings nicht in den Augen von Agnes, die davon ausgeht, schon immer eine Frau gewesen zu sein. Anhand von Agnes lassen sich die Praktiken der Her- und Darstellung des Geschlechts deshalb in besonderem Maße in den Blick nehmen, da sie für ein Scheitern ihrer ‚Performance‘ denkbar ist. Während andere ihr Geschlecht zugeschrieben bekommen („ascribed status“) (Garfinkel, 1967, S. 157), und ihnen dies selbstverständlich erscheint, so hat Agnes ihr Geschlecht für andere herzustellen („work of achieving“) (Garfinkel, 1967, S. 157). Garfinkel spricht von der notwendigen Interaktionsarbeit, mit der Agnes ihr Recht, als natürliche, normale Frau zu leben, erwirbt, als „Passing“ (passing of as someone = als jmd. durchgehen) (Garfinkel, 1967, S. 118-133 & S. 137-167). Dieses Passing entspricht den Dar- und Herstellungspraktiken des Geschlechts von Nichttranssexuellen. Jenen aber sind diese Accounts in Fleisch und Blut übergegangen, so dass sie nicht als Interaktionsarbeit wahrgenommen werden. Garfinkel unterscheidet zwischen zwei grundlegenden Passing-Situationen, die Agnes kennt: solchen, die einem Spiel ähneln und solchen, die das nicht tun. [2]

Die spielähnlichen Situationen kennzeichnen sich dadurch, dass Agnes sehr genau weiß, was sie in bestimmten Situationen erwartet. Zum Beispiel kann sie, wenn sie mit Freundinnen an den Strand geht, keinen Badeanzug dabei haben oder keine Lust aufs Baden haben. Die große Mehrheit der alltäglichen Interaktionsarbeit von Agnes, sich ‚als Frau‘ darzustellen und wahrnehmbar zu machen, lässt sich laut Garfinkel nicht mit einem Spiel und einem strategisch-dramaturgischen „management of impressions“ (Garfinkel, 1967, S. 174) im Sinne Goffmans, von dem sich Garfinkel abgrenzt, vergleichen. Denn in den meisten Situationen handelt Agnes als Frau und lernt zugleich in einer Art geheimer Ausbildung, was es heißt, sich wie eine Frau zu verhalten, das heißt: Sie hat die geschlechtsbezogene Adäquatheit ihres Verhaltens je lokal auszuhandeln. Die Beispiele für solche Situationen sind nahezu unzählbar und umfassen fast alle längeren Interaktionen, für die kaum Interaktionsrituale feststehen. Beispiele sind die intensiven Gespräche mit ihrem Freund Bill, in denen er ihr Anweisungen gibt, wie sie sich als Frau zu verhalten habe, die Begegnungen mit Bills ahnungsloser Mutter, die ihr in der Küche und beim Einkaufen hilft oder die Gespräche mit ihren (nicht eingeweihten) Freundinnen, ganz besonders dann, wenn deren Themen ihre ‚Frauenprobleme‘ oder ‚Männergeschichten‘ oder die private Vergangenheit sind. Zentral an diesen Situationen ist, dass sich der Interaktionsverlauf sequentiell und grundsätzlich als nicht planbar entfaltet. Garfinkel spricht von Agnes in diesem Kontext als „doer of the accountable Person“ (Garfinkel, 1967, S. 181) und sieht an ihrem Beispiel Praktiken der Her- und Darstellung von Geschlecht, die wir alle betreiben. Geschlecht ist daher ein omnirelevanter „seen but unnoticed background of everyday life“ (Garfinkel, 1967, S. 118), und die Prozesse eines Doing Gender sind Teil der Alltagsroutine. [3]

  • Literatur:

     

    Garfinkel, H. (1967). Studies in ethnomethodology (Social and political theory). Cambridge: Polity Press.

  • Zitationsvorschlag:

     

    Geimer, Alexander (2013). Garfinkels Agnes-Studie. In Gender Glossar / Gender Glossary (3 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de

  • Persistente URN:

     

    urn:nbn:de:bsz:15-qucosa-219577 (Langzeitarchiv-PDF auf Qucosa-Server)

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Jun. Prof. Alexander Geimer studierte Sozialwissenschaft, Soziologie und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Mannheim und der Eberhard Karls Universität Tübingen und schloss 2005 mit Magister Artium ab. Zwischen 2005 und 2007 war er unter anderem wissenschaftlicher Projektmitarbeiter an der Freien Universität Berlin (FU), arbeitete als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Carl Ossietzky Universität Oldenburg (Institut für Pädagogik) und als Projektleiter für die „Evaluation des Prüfverfahrens der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM)“. 2009 wurde er aufgrund seiner Arbeit „Filmrezeption und Filmaneignung. Eine qualitativ-rekonstruktive Studie über Praktiken der Rezeption bei Jugendlichen“ an der Freien Universität Berlin promoviert. Bis 2012 nahm er verschiedene Lehraufträge (unter anderem an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) an, arbeitete erneut als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin (Arbeitsbereich Qualitative Bildungsforschung) und wurde im April 2012 zum Junior-Professor für Soziologie, insbesondere Methoden qualitativer Sozialforschung, an die Universität Hamburg berufen.

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