Undoing Gender

von

Stefan Hirschauer begreift das Geschlecht als Effekt von Interaktionen und lehnt sich dabei an Garfinkels Konzept der Accountability und der Omnirelevanz von Geschlecht (Garfinkel, 1967) an, sowie zugleich als Effekt von Institutionen, wobei er sich auf Goffmans Konzept der Institutional Reflexivity (Goffman, 2001) bezieht. Aus dieser Perspektive entwickelt er einen Praxisbegriff, der für die Möglichkeiten der Relevantsetzung / Aktualisierung und Neutralisierung / Vergessen des Geschlechts offen ist (vgl. Hirschauer 2001: 214) und dieses so nicht nur als stetigen Prozess, sondern als „diskontinuierliche Episode“ (Hirschauer 1994: 680) fassen lässt. [1]

In einem elementaren Sinn gibt Hirschauer der Ethnomethodologie recht: Es herrscht ein grundlegender „Ausweiszwang“ (ebd.: 215), d.h. Personen müssen als Personen einer Geschlechtskategorie klassifizierbar sein. Aber es gibt ein Kontinuum der Salience, also variable Grade der Relevantsetzung der Kategorie (vgl. Hirschauer, 1994: 679), was das Doing Gender-Konzept nicht zu fassen vermag. Es ist möglich, dass Personen das Geschlecht lediglich registrieren und formelhaft ‚Mitlaufen lassen‘ in der Interaktion, aber sich nicht als Männer bzw. Frauen adressieren und entsprechende Interaktionsskripte in Anschlag bringen (Hirschauer 1994: 678). Weiter können angelaufene Interaktionsskripte, die das Geschlecht relevant setzen, leer laufen und Anschlusspunkte können vermieden werden (Hirschauer 2001: 217f.). Aus institutioneller Perspektive ist zudem möglich, dass gerade Institutionen, welche die Hervorbringung des Geschlechts anreizen (vgl. Goffman 2001), auch dessen Neutralisierung anleiten können. Die Naturalisierung der Geschlechterdifferenz in institutionellen Arrangements, die vielfältige Sexuierung von Zeichensystemen und die Bildförmigkeit und Offensichtlichkeit der Geschlechter-Darstellungen stellen eine derart umfassende und ultrastabile Struktur dar, dass die enorme Selbstverständlichkeit („informationelle Redundanz“) des Geschlechts auch zu einer Irrelevanz desselben führen kann (Hirschauer 2001: 225). Außerdem ist die Vergeschlechtlichung von Personen oft ein Produkt der Vernetzung institutioneller Strukturen; z.B. sind Segregationsprozesse auf dem Arbeitsmarkt weniger auf diesen selbst als auf die Paarbildungsregeln und die Arbeitsteilung in Partnerschaften zurückzuführen (ebd.: 228). Ein sozialer Wandel im privaten Bereich kann somit einen Wandel im öffentlichen Arbeitsmarkt nach sich ziehen. Letztendlich ist also das Geschlecht auf seine konkrete Relevantsetzung in Interaktionen in bestimmten Kontexten unter der Bedingung unterschiedlicher kultureller Konfigurationen und institutioneller Arrangements zu untersuchen („kontextuelle Kontingenz“, vgl. Heintz / Nadai 1998). [2]

  • Literatur:

     

    GOFFMAN, Erving: Das Arrangement der Geschlechter In: Knoblauch, H. [Hg.]: Interaktion und Geschlecht, Frankfurt a.M.: Campus 2001 [1977], S. 105-158.

    HEINTZ, Bettina / NADAI, Eva: Geschlecht und Kontext. De-Institutionalisierungsprozesse und geschlechtliche Differenzierung, In: Zeitschrift für Soziologie, Heft 2 / 27 / 1998, S. 75-93.

    HIRSCHAUER, Stefan: Die soziale Fortpflanzung der Zwei-Geschlechtlichkeit In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 1996 / 46, S. 668-692.

    HIRSCHAUER, Stefan: Das Vergessen des Geschlechts. Zur Praxeologie einer Kategorie sozialer Ordnung In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 2001 / Sonderheft 41, S. 208-235.

  • Zitationsvorschlag:

     

    Geimer, Alexander (2005). Undoing Gender. In A. G. i. d. E. Freie Universität Berlin (Hrsg.), Glossar Geschlechterforschung. Verfügbar unter http://userpage.fu-berlin.de/~glossar/

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Jun. Prof. Alexander Geimer studierte Sozialwissenschaft, Soziologie und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Mannheim und der Eberhard Karls Universität Tübingen und schloss 2005 mit Magister Artium ab. Zwischen 2005 und 2007 war er unter anderem wissenschaftlicher Projektmitarbeiter an der Freien Universität Berlin (FU), arbeitete als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Carl Ossietzky Universität Oldenburg (Institut für Pädagogik) und als Projektleiter für die „Evaluation des Prüfverfahrens der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM)“. 2009 wurde er aufgrund seiner Arbeit „Filmrezeption und Filmaneignung. Eine qualitativ-rekonstruktive Studie über Praktiken der Rezeption bei Jugendlichen“ an der Freien Universität Berlin promoviert. Bis 2012 nahm er verschiedene Lehraufträge (unter anderem an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) an, arbeitete erneut als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin (Arbeitsbereich Qualitative Bildungsforschung) und und war von April 2012 bis März 2018 Junior-Professor für Soziologie, insbesondere Methoden qualitativer Sozialforschung, an die Universität Hamburg. Aktuell ist Alexander Geimer Lehrbeauftragter an den Universitäten Klagenfurt und Hamburg (UH).

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