Vaterschaft aus der Sicht von Vätern mit Behinderung

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Vaterschaft mit Behinderung ist kein neues soziales Phänomen, aber ein wenig untersuchtes. Gesicherte Daten zur Anzahl und sozialen Situation von Vätern mit Behinderung in Deutschland existieren nicht. Bezüglich der Erlebnissicht von Vätern liefern wenige, zumeist qualitative Studien basierend auf geringer Fallzahl, Ergebnisse. Dabei werden vorrangig Väter mit einer angeborenen Körper- oder Sinnesbehinderung (Behrendt, 1998; Behrisch, 2006; Hermes, 2004) in den Fokus genommen, weniger wird die Situation im Falle einer erworbenen Spätbehinderung (Keller, 2005) thematisiert. Auch die Lebenslage weiterer Personengruppen wie Väter mit sogenannter geistiger (Brenner & Walter, 1999) oder psychischer Behinderung ist kaum untersucht. [1]

Väter mit einer Behinderung stehen vor ähnlichen Aufgaben und Problemen wie Väter ohne Behinderung. Der persönliche Blick auf die eigene Behinderung ist bestimmend für die Haltung und das Handeln als Vater. Väter mit positivem Selbstkonzept vermuten kaum Probleme oder negative Auswirkungen der Behinderung auf das Kind. Im Falle gravierender körperlicher Beeinträchtigung werden Schwierigkeiten bei der Durchsetzung väterlicher Autorität beschrieben. Weiterhin entscheidend ist die Einstellung der Kindesmutter gegenüber der Behinderung; ihr Vertrauen in Fähigkeiten und Kompetenzen gestaltet den väterlichen Spielraum entscheidend mit (Behrisch, 2006). Generell spüren Väter mit Behinderung im Gegensatz zu Müttern in gleicher Situation einen geringeren Erfolgsdruck und weniger Sorgen hinsichtlich eines gelingenden Umgangs mit dem Kind (Hermes, 2004). [2]

Die Behinderung ist Teil der Persönlichkeit des Vaters und prägt dementsprechend erzieherische Vorstellungen und pädagogisches Handeln. In der konkreten Ausgestaltung der Vaterschaft schlägt sich die körperliche Funktionalität der jeweils spezifischen Behinderung bestimmend nieder. So betonen beispielsweise körperbehinderte Väter in der Auseinandersetzung mit der Rollenerwartung als starker Mann die Ebene der möglichen Aktivitäten mit dem Kind (Behrendt, 1998). Ebenfalls können behinderungsbedingte Tätigkeitseinschränkungen von dieser Vätergruppe als mangelnde Bereitschaft für die jeweilige Spielsituation gerahmt werden, was beispielsweise blinden Vätern aufgrund ihres funktionellen Kontextes weniger möglich ist (Behrisch, 2006). Generell werden gesellschaftliche Erwartungen an Väter wie z. B. Berufstätigkeit eher dort als eigenes Leitbild übernommen, wo sie erfüllbar sind. [3]

Das Zusammenleben mit Kindern ermöglicht Vätern ein Leben in Normalität aufgrund der Adaption kindlicher Verhaltensweisen an die Möglichkeiten des Vaters (Behrisch, 2006). Reaktionen außerhalb der Familie auf die Vaterschaft erfolgen zumeist in negativer Form, indem väterliche Kompetenzen und Zuständigkeiten von Einzelpersonen und Institutionen abgesprochen werden. Als schwerwiegende Barrieren im Alltag erweisen sich einschränkende Rahmenbedingungen und fehlende Unterstützungsmöglichkeiten, nur ein geringer Teil von Problemen hängt ursächlich mit der Behinderung zusammen (Hermes, 2007). [4]

  • Literatur:

     

    Behrendt, M. (1998). Die Situation von körperbehinderten Eltern: Eine empirische Untersuchung auf der Basis von Gesprächen. Hamburg

    Behrisch, B. (2006). „Die Leute haben sich sicherlich überhaupt nicht vorstellen können, dass ich der Vater bin": Vaterschaft, Erziehung und Alltagserleben von Vätern mit Behinderung. Zeitschrift für Inklusion (2).

    Brenner, M. & Walter, J. (1999). Zur Lebenssituation von Eltern mit geistiger Behinderung und ihren Kindern: „Ich würde mir ein Leben ohne meine Kinder nicht mehr vorstellen können.". In E. Wilken, F. Albrecht & U. Wilken (Hrsg.), Sonderpädagogik und soziale Arbeit. Rehabilitation und soziale Integration als gemeinsame Aufgabe (S. 223–241). Neuwied: Luchterhand.

    Hermes, G. (2004). Behinderung und Elternschaft leben - kein Widerspruch! Eine Studie zum Unterstützungsbedarf körper- und sinnesbehinderter Eltern in Deutschland (Materialien der AG SPAK, Bd. 167, 1. Aufl.). Neu-Ulm: AG-SPAK-Bücher.

    Hermes, G. (2007). Sind Elternschaft und Behinderung miteinander vereinbar? Ein Beitrag zu Barrieren und Unterstützungsmöglichkeiten für behinderte Mütter und Väter. Verfügbar unter http://bidok.uibk.ac.at/library/hermes-elternschaft.html.

    Keller, M. (2005). Behinderte Väter: Der positive Umgang mit einer körperlichen Spätbehinderung. Frankfurt/Main: Fischer Verlag.

  • Zitationsvorschlag:

     

    Behrisch, Birgit (2013). Vaterschaft aus der Sicht von Vätern mit Behinderung. In Gender Glossar / Gender Glossary (4 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de

  • Persistente URN:

     

    urn:nbn:de:bsz:15-qucosa-219381 (Langzeitarchiv-PDF auf Qucosa-Server)

Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine aktualisierte Version von folgendem Beitrag:

Dr. Birgit Behrisch wurde 1980 geboren und studierte Allgemeine Sprachwissenschaften, Evangelische Theologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Potsdam und der Freien Universität Berlin (FU), an der sie 2005 mit einem Diplom in den Erziehungswissenschaften abschloss. Zwischen 2007 und 2012 war sie Promotionsstipendiatin des Evangelischen Studienwerks Villigst und wurde 2012 aufgrund ihrer Arbeit zu „Leiberfahrung  – Körperbetrachtung – Wirklichkeit – (Ehe-)Partnerschaftliche Konstruktion von ‚Behinderung’“ an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Seit 2009 ist sie Lehrbeauftragte an der Alice Salomon Hochschule Berlin und seit 2013 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut „Mensch, Ethik und Wissenschaft“ in Berlin.

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