Alphabetisches Glossar

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Situiertes Wissen

von

Das Konzept des situierten Wissens entwickelt die Wissenschaftsphilosophin Donna J. Haraway (*1944) im Zuge ihrer Auseinandersetzung mit feministischer Objektivität im Jahr 1988 (vgl. Haraway 1995a). Ausgangspunkt des wissenschaftstheoretischen Konzepts ist die Kritik an Objektivität als wissenschaftlichem Beschreibungsmodus in der modernen Experimentalwissenschaft, in dem ein scheinbar neutrales, also körper- und standortloses Wissenschaftssubjekt universell gültige Ergebnisse erzeugt. Im Unterschied zur Vorstellung eines Universalwissens versteht Haraway Wissen prinzipiell in konstitutiver Beziehung zu historischen Gesellschafts- und Herrschaftsformen, Technologien der Wissensgenerierung und sprach- und erkenntnistheoretischen Mustern (vgl. Haraway, 1995a, S. 74). Haraway entwirft ein Verständnis von Wissensformen, das sich gegen Annahmen der Universalität und Neutralität von Wissen richtet, und das sie situiert nennt, was, erstens, meint, dass jede Wissensform immer historisch und kulturell spezifisch ist und, zweitens, dass es das eine Wissen, das über allen anderen Wissensformen steht, nicht gibt, sondern immer nur partiale Weisen vielfältiger Wissensformen (knowledges). Das situierte Wissen meint eine philosophische Auffassung, in der Subjekte nicht von ihrer Umgebung getrennt werden können, sondern stets damit verbunden und darin verkörpert sind (vgl. Haraway, 2015, S. 115). Das Konzept des situierten Wissens bietet zahlreiche Anschlussmöglichkeiten in unterschiedlichen Theorie- und Praxisbereichen, wie z. B. in der künstlerischen Forschung (vgl. Busch, Dörfling & Peters, 2018), der Kritik am Anthropozän (vgl. Zylinska, 2018), der Medienwissenschaft (vgl. Gabrys, 2016, S. 63) sowie der kolonialkritischen Sozialwissenschaft (vgl. Brunner, 2013). Die Mehrdeutigkeit des Haraway’schen Schreibens ermöglicht unterschiedliche Interpretationen des situierten Wissens, die von der Lesart als kulturelle Denksozialisationen (vgl. Singer, 2005, S. 198–200) bis hin zu einer biografischen Schreibweisemethode reichen (vgl. Harrasser, 2006, S. 582). [1]

Haraways Begriff von Wissen ist von einem postmodernen Verständnis geprägt, in dem davon ausgegangen wird, dass den Wissenschaften fundamentale, jedoch oft unreflektierte Muster, sogenannte Episteme, zugrunde liegen, die insofern Macht besitzen, dass z.B. Zweigeschlechtlichkeit oder ethnische Einteilungen klassifikatorische Zuteilungen von Menschen vornehmen (vgl. Foucault, 2009, S. 22). Episteme gelten heute als gesellschaftlich und wissenschaftlich anerkannt, sind jedoch struktureller Teil des zivilisatorischen Projekts des Globalen Nordens und seiner gewaltvollen Aneignung der sogenannten Natur, der Frauen und/oder Schwarzer und indigener Menschen (vgl. Nelson, 2016; Yusoff, 2018). Die Gewalt der Episteme artikuliert sich auch in der Behauptung, dass naturwissenschaftliches Wissen das einzig wahre Wissen sei, wobei beispielsweise indigenen Wissensformen Legitimität abgesprochen wird (vgl. Descola, 2011). Neben postmodernen Ansätzen sind besonders feministische Epistemologien einflussreich für die Entwicklung des situierten Wissens. Sogenannte Standpunkttheoretikerinnen stellten in den 1980er Jahren die Frage, ob die Perspektive von Frauen – insbesondere von indigenen oder Schwarzen Frauen – als markierten Subjekten im Unterschied zu (weißen) Männern eine erkenntnisreichere, d.h. unschuldigere, verkörperte und wenig abstrahierte Form des Wissens herstellen würde (vgl. Singer, 2005; Harding, 2008; Bauer, 2006, S. 263-271). In diese Debatte der „outsiders within“ (Harding, 1991, S. 277) brachte sich Haraway unter Zuhilfenahme der Positionen von women of color ein und schlug eine „feministische Objektivität“ (Haraway, 1995a, S. 80) vor, um den Dualismus zwischen subjektivem und objektivem Wissen aufzulösen. Die Volte in Haraways Konzept ist, nicht nur Wissen von ‚markierten‘ Körpern, also z. B. einer indigenen Person, als partiales Erfahrungswissen zu verstehen, sondern vielmehr jede Form von Wissen als situiert zu begreifen. Statt von indigenen als „‚unschuldigen‘ Positionen“ (Haraway, 1995a, S. 84) auszugehen, was eine Romantisierung oder Aneignung bedeuten würde, gilt es anzuerkennen, dass jedes Wissen von Macht- und Kulturrelationen strukturiert ist (vgl. Haraway 1995a, S. 75). Nicht die singulären Perspektiven sollen als ‚wahres‘ Wissen verabsolutiert, sondern das universelle Forscher*innensubjekt als historisch-geografisch partialisiert werden. [2]

Ein zentraler Begriff,  um die Konzepte von unmarkierter/positivistischer Objektivität und feministischer/partialer Objektivität zu unterscheiden, ist der „göttliche Trick“ (god trick) (Haraway 1995a, S. 81). Diese Metapher beschreibt das Ideal des Wissenschaftssubjekts, das sowohl losgelöst von seiner gesellschaftlichen Position als auch seinem Körper Wissen herstellen kann, welches aufgrund der angeblichen Distanz zum Untersuchungsobjekt eine bessere, weil neutralere Erkenntnis verspricht (vgl. auch Crary 1996). Satellitenbilder, deren komplexe technische Bildgenese ihnen nicht mehr anzusehen ist, fungieren bei Haraway als Inbegriff technowissenschaftlicher Ideologie, eine ganz spezifische Perspektive zu reproduzieren, welche zu ihrem Gegenstand, in dem Fall der Erde, auf Distanz geht und dadurch vorgibt ‚naturgetreu‘ zu sein (vgl. hier auch Daston & Galison, 2007, S. 59–120). [3]

Mit dem situierten Wissen löst sich der Dualismus von forschendem Subjekt und beforschtem Objekt auf, hin zu einem Verständnis von Letzterem als Akteur*in. In der Tradition des Subjekt-Objekt-Dualismus (vgl. Descartes 2008) werden wissenschaftliche Forschungsergebnisse als Einheit präsentiert, in der die Entstehungsgeschichte, also beispielsweise die Rolle medialer Apparate, nicht mehr als konstitutiver Teil der Erkenntnisproduktion wahrzunehmen ist (vgl. Haraway 1995a, S. 208). Mit dem Konzept des situierten Wissens insistiert Haraway darauf, den Forschungsgegenstand als Akteur*in anzuerkennen (vgl. Haraway 1995a, S. 92). Ein prominentes Beispiel für die Geschlechterforschung ist die Frage, wie sich sex als biologisches Wissensobjekt zur sozialen, historischen, semiotischen Konstruktion, also gender, verhält. Haraway erkennt in der Differenz von sex und gender eine Reduktion des Körpers auf die Vorstellung eines passiven Objekts, der ausschließlich durch soziale Einschreibung und normative Wiederholungen geformt wird und damit die Vorstellung von aktivem männlichen Geist und passivem weiblichen Körper wiederholt (vgl. Haraway 1995a, S. 92–93; auch Duden 1991; Butler 1995). Die Anerkennung einer Beteiligung oder Verweigerung der untersuchten ‚Objekte‘ ist die Voraussetzung, um Momente zu erkennen, die sich wissenschaftlicher Klassifizierung entziehen beziehungsweise aktiv, aber oftmals unbemerkt die Wissensgenerierung mitkonstituieren (vgl. Haraway 1995b). [4]

Im Unterschied zur Akteur-Netzwerk-Theorie (vgl. Latour & Woolgar 1979), die in ähnlicher Weise die Auflösung von Wissenschaftssubjekt und Wissensobjekt feststellt, impliziert das situierte Wissen Verantwortung (vgl. Haraway 1995a, S. 206, FN 2). In Haraways Denken geht der institutionell-gesellschaftlichen Verantwortung, für z. B. Folgen der Nuklearforschung, die Einsicht in eine andere Seinsweise voraus, welche anerkennt, dass Menschen und Umgebungen auf komplexe Weise in Beziehung miteinander stehen. Neben ethischem Engagement, das handelnde Menschen voraussetzt, impliziert Verantwortung bei Haraway ein philosophisch-ontologisches beziehungsweise sympoietisches („gemeinsam machen“, abgeleitet von griechisch „poiesis“ „machen“ und sym „zusammen mit“) Verständnis von Verantwortung („response-ability”) (vgl. Haraway, 2016, S. 115). Das Wortspiel „Antworten“ und „Verantworten“ verweist auf die Kultivierung der Fähigkeit, jede Lebensform in einer stets abhängigen Umwelt von mehr als menschlichen und mehr als subjektiven Einheiten zu verstehen (vgl. Haraway & Kenney 2015; vgl. zur response-ability auch Barad 2012). Verantwortung muss auf die eigenen Sprach-, Darstellungs- und Wissensformen bezogen werden, von denen Haraway ausgeht, dass sie als Ausdruck sogenannter materiell-semiotischer Prozesse auf die stoffliche Welt wirken und Machtverhältnisse verdichten und naturalisieren (zum Begriff „materiell-semiotisch“ siehe Harrasser, 2006, S. 581). Am Beispiel des Amazonas-Regenwaldes veranschaulicht Haraway, wie eine situierte Form von Wissen das dynamische Gefüge von menschlichen und nichtmenschlichen Akteuer*innen zu berücksichtigen in der Lage ist (vgl. Haraway, 1995b). Nur danach zu fragen, welche technologischen Übersetzungsketten es z.B. den Bodenkundler*innen ermöglicht, aus der Erde des Amazonas-Regenwaldes ein wissenschaftliches Objekt herzustellen, wie es die Akteur-Netzwerk-Theorie unternimmt (vgl. Latour, 2002), läuft Gefahr, den Boden auf eine rein technowissenschaftliche Ressource zu reduzieren, wodurch Machtverhältnisse häufig unreflektiert (re-)produziert (vgl. Bergermann, 2016, S. 164) und die Machteffekte der eigenen Darstellungsweise nicht anerkannt werden. Den Regenwald versteht Haraway dagegen nicht als eine zu separierende, pedologische Einheit, sondern als ein durch (neo-)koloniale Herrschaftsverhältnisse geprägtes Kollektiv von Jaguaren, Bäumen, Kaiapó, deren Erntetechniken und weißen Goldschürfer*innen (vgl. Haraway, 1995b, S. 42–44). Nur die Reflexion, dass Wissen und dessen Darstellung nie neutral ist, da es nie ohne Konsequenzen für die stoffliche Welt bleibt, kann Achtsamkeit und Verantwortung für die eigenen Machtverstrickungen herstellen und damit versuchen, diese Konsequenzen gering zu halten (vgl. Haraway 1995a, S. 78). [5]

  • Literatur:

     

    Barad, Karen (2012). On Touching. The Inhuman that Therefore I Am. differences 23 (3), S. 206–223.

    Bergermann, Ulrike (2016). Kettenagenturen. Latours Fotografien, Brasilien 1991. In Ilka Becker et al. (Hrsg.), Fotografisches Handeln. Kromsdorf, Weimar: Jonas, S. 160–181.

    Bauer, Robin (2006). Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung. In Ebeling, Smilla (Hrsg.), Geschlechterforschung und Naturwissenschaften. Einführung in ein komplexes Wechselspiel. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaft, S. 263–271.

    Butler, Judith (1995). Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin: Suhrkamp.

    Busch, Kathrin, Christina Dörfling und Kathrin Peters (Hrsg.) (2018). Wessen Wissen? Materialität und Situiertheit in den Künsten. Paderborn: Fink.

    Brunner, Claudia (2013). Situiert und seinsverbunden in der ‚Geopolitik des Wissens‘. Politisch-epistemische Überlegungen zur Zukunft der Wissenssoziologie, Zeitschrift für Diskursforschung (3) 2013, S. 226–245.

    Jonathan Crary (1996). Techniken des Betrachters. Sehen und Moderne im 19. Jahrhundert. Dresden: Verlag der Kunst.

    Daston, Lorrain und Peter Galison (2007). Objektivität. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

    Descartes, René (2008). Meditationes de prima philosophia (Philosophische Bibliothek Hamburg, Bd. 597). Hamburg: Meiner.

    Descola, Philippe (2011). Jenseits von Natur und Kultur. Berlin: Suhrkamp.

    Duden, Barbara (1991). Der Frauenleib als öffentlicher Ort. Vom Missbrauch des Begriffs Leben. Hamburg u.a.: Luchterhand-Literaturverlag.

    Foucault, Michel (2009). Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

    Gabrys, Jennifer (2016). Program Earth. Environmental Sensing Technology and the Making of a Computational Planet. Minneapolis: University of Minnesota Press.

    Haraway, Donna J. (1995a). Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive. In dies. (Hrsg.), Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt am Main u.a.: Campus, S. 73–97.

    Haraway, Donna J. (1995b). Monströse Versprechen. Eine Erneuerungspolitik für un/an/geeignete Andere. In dies., Monströse Versprechen. Die Gender- und Technologie-Essays. Hamburg: Argument, S. 11–80.

    Haraway, Donna J. und Martha Kenney (2015). Anthropocene, Capitalocene, Chthulhucene. Donna Haraway in Conversation with Martha Kenney. In Heather Davis & Etienne Turpin (Hrsg.), Art in the Anthropocene. Encounters Among Aesthetics, Politics, Environments and Epistemologies. London: Open Humanities Press, S. 229-244.

    Haraway, Donna J. (2016). Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene. London: Duke University Press.

    Harding, Sandra (1991). Whose science? Whose knowledge? Thinking from women's lives. Ithaca, New York: Cornell University Press.

    Harding, Sandra (2010). Wissenschafts- und Technikforschung. Multikulturelle und postkoloniale Geschlechteraspekte. In Ruth Becker (Hrsg.) Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung Theorie, Methoden, Empirie (3. erweiterte und durchgesehene Auflage). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaft, S. 312–322,

    Harrasser, Karin (2006). Donna Haraway. Natur-Kulturen und die Faktizität der Figuration. In Moebius, Stephan (Hrsg.), Kultur – Theorien der Gegenwart. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaft, S. 580–594.

    Latour, Bruno (2002). Zirkulierende Referenz. Bodenstichproben aus dem Urwald am Amazonas. In ders. (Hrsg.), Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft. Suhrkamp: Frankfurt a. M., S. 36–95.

    Latour, Bruno und Woolgar, Steve (1979). Laboratory Life. The Social Construction of Scientific Facts. Beverly Hills, CA: Sage Publications, Inc.

    Nelson, Alondra (2016). The Social Life of DNA. Race, Reparations, and Reconciliation after the Genome. Boston: Beacon Press.

    Singer, Mona (2005). Geteilte Wahrheit. Feministische Epistemologie, Wissenssoziologie und Cultural Studies. Wien: Löcker.

    Yusoff, Kathryn (2018). A Billion Black Anthropocenes or none. Minneapolis: University of Minnesota Press.

    Zylinska, Joanna (2018). The End of Man. A Feminist Counterapocalypse. Minneapolis: University of Minnesota Press.

  • Zitationsvorschlag:

     

    Gramlich, Naomie (2021). Situaiertes Wissen. In Gender Glossar / Gender Glossary (5 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de

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Naomie Gramlich lehrt und forscht in der Medienwissenschaft an der Universität Potsdam. Themenschwerpunkte sind feministische und dekoloniale Mediengenealogien und die Diskursgeschichte des Extraktivismus. Mitherausgabe des Sammelbands “Feministisches Spekulieren. Genealogien, Narrationen, Zeitlichkeiten” (2020).